Ohne Emotion keine Motivation – Wie Veränderungsprozesse entstehen

Ein Interview mit Silvia Hahn

Herzlich Willkommen Silvia. Vielen Dank, dass du dich für ein Interview bereit erklärst. Du machst Coaching sowohl für Führungskräfte, aber auch für Leute, die sich persönlich und beruflich weiterentwickeln wollen oder neue Ziele erreichen möchten. Seit wann machst du das und wie bist du dazu gekommen?

Als Coachin und Supervisorin bin ich schon seit fast 20 Jahren unterwegs. Es macht mir große Freude, Menschen dabei zu stärken, ihr Potential optimal zu entfalten. Auf unserer Lebensreise suchen wir doch alle immer wieder Antworten auf zentrale Fragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Was kann ich? Was brauche ich? Was ist mir wichtig? Was will ich? Welchen Weg möchte ich gehen und was will ich im Leben bewirken? Diese Fragen habe ich mir bereits als Teenager gestellt. Und ich fand es auch sehr spannend, andere Lebensgeschichten zu hören und zu erfahren, was Menschen bewegt.

Schon früh hatte ich das Gefühl: Deine Umgebung prägt dich und macht was mit dir. Also such dir auch die Leute genau aus, mit denen du Zeit verbringst. Wer stärkt dich? Wer schenkt dir Energie? Oder auch: Wer schwächt dich und hindert dich an deiner Weiterentwicklung?

Mich selbst, aber auch andere Menschen besser verstehen und kennen zu lernen, zieht sich also seit dem Teenageralter wie ein roter Faden durch mein Leben.

Wow, schon sehr früh.

Ich komme aus einem kleinen Dorf und hatte schon früh den Wunsch, mir die große weite Welt zu „erobern“. Schon in jungen Jahren bin ich sehr viel gereist. Ich hatte immer Lust, neue Menschen und andere Kulturen kennenzulernen. Diesen Wissendurst und das lebenslange Lernen habe ich mir bis heute bewahrt. Zum Beispiel sind für euch junge Leute Social Media und Videokonferenzen total selbstverständlich. Ich hingegen bin groß geworden mit Schreibmaschine und ohne Internet! Was ich damit sagen will: Die Bereitschaft zu haben, mit Veränderungen mitzugehen und Neues zu lernen, ist existenziell. Vor ca. vier Jahren habe ich so etwas wie Videokonferenzen noch nicht gemacht und heute gehört Online-Coaching zu meinem Repertoire.

So schnell kann die Entwicklung gehen. :-D

Auch an meinem Lebenslauf zeigt sich die Lust am Lernen. Ich bin erst Bankkauffrau geworden. Nach sechs Jahren habe ich dann Sozialarbeit studiert und war danach in ganz vielen unterschiedlichen Arbeitsfeldern tätig, wie z. B. in der Schuldner- und Insolvenzberatung, Suchtprävention und Gesundheitsförderung. Eine Zeit lang war ich auch als Ropes Course Trainerin tätig. Ich wollte vieles ausprobieren, was mir total viel Freude gemacht hat.

Nach meiner Lizensierung zur DISG-Trainerin habe ich mich mit 34 Jahren selbstständig gemacht. Das DISG-Modell beschreibt vier verschiedene Persönlichkeitstypen und unterscheidet dabei dominante, initiative, stetige und gewissenhafte Verhaltensstile. Es wird vor allem zur Verbesserung der Kommunikation und Entschärfung von Konflikten eingesetzt. Ich war erfolgreich als Trainerin tätig und habe damals sogar richtig gut davon gelebt, besser als im Arbeitsverhältnis. Darauf war ich sehr stolz. In der Zeit habe ich aber auch festgestellt, dass die Teilnehmenden meiner Trainings und Workshops zwar viele Aha-Erlebnisse und Erkenntnisse hatten, sie aber trotz guten Willens und einer festen Absicht an der Umsetzung des Gelernten scheiterten.

Also eine rein rationale Absicht.

Genau, das ist so wie mit den guten Neujahrsvorsätzen: „Ich höre auf zu rauchen. Ich mache mehr Sport.“ Dann besucht man ein Fitnessstudio oder fährt Fahrrad und gammelt nach ein paar Wochen doch wieder mit Feierabendbier und Zigarette auf dem Sofa rum. Gute Vorsätze sind oft eine Kopfentscheidung. Das heißt, sie werden rational beschlossen und kommen nicht wirklich von innen heraus. Sie scheitern, weil sie keine Herzenswünsche sind. Ohne Emotionen, ohne Freude und Begeisterung, können wir uns aber nicht motivieren. Motivation ist immer mit Bewegung, mit einem Antrieb verbunden. Und dieser Antrieb ist nicht sachlich, sondern er ist immer emotional und damit körperlich.

Wenn ich dann also später den Leuten aus den Seminaren begegnet bin und mal nachgefragt habe, wie viel sie umgesetzt haben, war das immer recht wenig. Häufig kamen Aussagen wie: „Ich habe keine Zeit dafür. Ich schaffe nicht mal meinen Job.“ Und: „Ich habe das mal versucht, aber dann bin ich doch wieder beim Alten gelandet.“

Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Und da kam die Idee, mich als systemische Beraterin ausbilden zu lassen, um professionelles Handwerkszeug zu haben und Menschen nachhaltig in Lern- und Veränderungsprozessen zu begleiten. Ich habe in diesem Masterstudium viel für mich mitgenommen und vor allem gelernt, die Sichtweisen von anderen Menschen mehr zu respektieren. Als Teenager oder junge Frau wollte ich meist Recht haben oder andere von meiner Meinung überzeugen. Ich habe also gelernt, wie man Menschen strukturiert und flexibel anregen kann, neue Sichtweisen zu kreieren, eigene Lösungen zu finden und Veränderungen erfolgreich und mit Freude umzusetzen.

Das berufsbegleitende Masterstudium habe ich punktgenau auf meinem 40. Geburtstag abgeschlossen. Auch das passt wieder zum lebenslangen Lernen. Seit 2005 konnte ich somit neben meiner jeweiligen Festanstellung in Leitungs- und Führungspositionen auch freiberuflich als Supervisorin und Coachin arbeiten.

Später war ich auch bei einem Sozialunternehmen in der Geschäftsleitung tätig. Es war immer mein Traum in einer höheren Führungsposition zu sein und Mitarbeitende erfolgreich zu machen. Und als ich mein Ziel erreicht hatte, habe ich realisiert: Ich verbringe die meiste Zeit damit, endlose To-Do-Listen abzuarbeiten und mich mit Zahlen, Daten und Fakten zu beschäftigen. Dazu kamen noch starke Rückenprobleme. Das war während der Corona-Zeit, wo ja alles nur noch über stundenlange Videokonferenzen ging. Das heißt, mir ging es körperlich richtig schlecht und die Diagnose war: Bandscheibenvorfall, Spinalkanalstenose und OP. Und da habe ich einen Schlussstrich gezogen. Denn das Leben hat immer Vorrang. Das ist auch mein Leitmotto. Ich bin aus der Geschäftsleitung ausgetreten und habe ein Sabbatical gemacht, um mich um meinen Körper zu kümmern und mich beruflich neu zu orientieren.

Um es kurz zu machen: Ich habe mich wieder selbstständig gemacht und bin an der OP durch intensives Bewegungstraining vorbeigekommen. Dabei ist mir auch was Spannendes aufgefallen. Vielleicht kennst du das, wenn man Schmerzen hat, dann hat man nicht so einen besonders guten Gemütszustand. Es macht mürbe und schlechte Laune. Und immer dann, wenn ich zum Reha-Sport gegangen bin, wo wir viel an der Haltung und Balance gearbeitet haben, merkte ich, dass ich danach viel vergnügter war. Das fand ich interessant. Du machst dort ja nichts für deine psychische Gesundheit.

Nein, das ist reine Körperarbeit.

Genau, so dachte ich auch. Und trotzdem spürte ich so eine Lebendigkeit und Veränderung meiner Stimmung. In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit dem Zusammenspiel von Körper und Psyche beschäftigt und bin so auf das Embodiment-Konzept gestoßen. Embodiment bedeutet nicht nur, dass Gefühle im Körper und in Körperhaltungen sichtbar werden, sondern auch die Körperhaltung auf die Psyche wirkt. Und dann war mir klar, weshalb ich nach dem Reha-Sport so gut gestimmt war: „Haltung beeinflusst Haltung“.

Also die äußere die innere Haltung.

Äußere die innere und umgekehrt! Heute binde ich den Körper im Coaching ein. Und das hat eine enorme Wirkung. Unsere Körperhaltung ist der Dreh- und Angelpunkt für mehr Zufriedenheit, gute Laune und deutlich mehr Entspannung. Also das heißt, wir können unsere innere Haltung bewusst über unsere Körperhaltung steuern. So kannst du dich zum Beispiel vor einem wichtigen Geschäftstermin mal bewusst hinstellen und aufrichten, um selbstsicher und gestärkt ins Meeting zu gehen. Da rasen ja oft Gedanken durch den Kopf, die möglicherweise zu Selbstzweifeln oder mehr Angst als Lampenfieber führen, denn Lampenfieber kann ja auch was Gutes und Anspornendes sein. Also breitbeinig hinstellen, Kopf hoch, Brust raus, Schultern zurück, Bauch rein, ein paar Mal tief ein- und ausatmen und zum Schluss lächeln. Den Körper bewusster aufzurichten, aber auch Bewegung im Alltag, trägt dazu bei, stärker Motivation und positive Gefühle zu erleben.

Da fällt mir der Begriff Power Posing ein.

Ganz genau. Wenn ich den ganzen Tag so gebeugt und mit hängendem Kopf am Schreibtisch sitze, kann ich nicht entspannt und mit Freude arbeiten. Da werde ich eher depressiv und sinkt die Motivation in den Keller. Unsere Körperhaltung hat einen enormen Einfluss auf unsere Gedanken und Gefühle. Es macht einen großen Unterschied, ob ich Menschen mit einer eher gebeugten und traurigen Haltung oder einer aufrechten und freudigen Haltung begegne. Eine aufrechte Haltung und positive Mimik führen zu positiven Emotionen. Und die Emotion Freude ist die Kraft, die uns strahlen lässt und uns anziehend für andere macht. Freude motiviert und lässt uns Höhenflüge erleben. Es gibt keine Motivation ohne Emotion.

Wir sollten aber auch Gefühle wie Angst oder Ärger nicht als „Störfaktoren“ wegdrücken, sondern lernen, sie zu entschlüsseln und zu nutzen. Sie wollen uns auf etwas Wichtiges hinweisen. So liegt auch z.B. der Wut eine positive Absicht zugrunde. Sie weist uns darauf hin, dass Bedürfnisse nach Sicherheit, Zuwendung, Anerkennung oder Selbstbestimmtheit nicht erfüllt sind. Wut kann produktiv und durchaus kreativ machen. „Wutkraft“ kann Dinge ins Leben rufen oder ihnen ein klares Ende setzen. Wenn sich im beruflichen Leben und im Coaching alles ausschließlich kognitiv abspielt, kommt es in der Regel zu keinen nachhaltigen Veränderungen. Wir müssen unsere Emotionen mit ins Boot holen, denn sie steuern unser Denken und Handeln.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich nur sehr schwer für die jährliche Steuererklärung begeistern kann. Wer macht das schon mit Freude? Ich gehe da immer dran mit „Augen zu und durch“. Mich da in einen guten emotionalen Zustand zu bringen, fällt mir schwer, aber da sage ich mir auch: „Da musst du jetzt durch, die machst du jetzt fertig und dann ist gut.“

Aber die dauert ja auch nicht so lange. Da möchte ich nicht über Monate die Motivation halten.

Ganz genau. Für eine kurze Zeit können wir auch ohne große Motivation etwas Erforderliches tun. Aber bei etwas, was man wirklich verändern möchte, egal, was das ist – die einen wollen mit dem Rauchen aufhören, die anderen zunehmen oder abnehmen, Sport machen oder den nächsten Karriereschritt machen – braucht man Motivation.

Da frage ich dich mal: Was war mal eine Herausforderung für dich im Leben? Und was hat dich motiviert?

Mir kommt Wasserski als Beispiel in den Kopf. Ich bin mit einem Freund gemeinsam dorthin gefahren. Dann waren wir letztendlich da und nachdem wir an der Kasse bezahlt und uns umgezogen hatten … da war ich war dann schon in der Bewegung drin. Wir haben uns dann an der Schlange zum Starten angestellt und während ich dann in der Schlange stand, wollte ich auch keinen Rückzieher mehr machen. Ich habe es einmal ausprobiert und es hat sehr viele Anläufe gebraucht. Es war auch bei jedem Anlauf ein wenig Überwindung notwendig. Dann war es ein riesen Erfolgserlebnis, als ich zum ersten Mal um die erste Kurve gekommen bin.

Ja, so entsteht Selbstmotivation. Das heißt, Wasserski hat dich interessiert, du wolltest eine neue Erfahrung machen und bist auch ins Tun gekommen. Aus der Absicht, „Ich mache Wasserski“ muss ja nichts werden. Aber du bist auch zur Kasse gegangen. Das war schon der erste Schritt. Da hättest du immer noch einen Rückzieher machen können. Aber du sagst ja: Ich war schon in der Bewegung drin. Das heißt, du hast getan, was du wolltest, dich getraut, bist drangeblieben und es hat dir Spaß gemacht. Ein echtes Erfolgserlebnis! Die stärkste Motivation entsteht immer dann, wenn unsere Bedürfnisse befriedigt werden und wir das tun, was wir wirklich wollen.

Ich bin davon überzeugt: Veränderung fängt immer bei uns selbst an. Wir können unsere Einstellungen und unser Verhalten verändern, unsere Potentiale wirksam nutzen und etwas Neues schaffen. Das erzeugt Selbstvertrauen. Und Vertrauen wird gefühlt und nicht gedacht.

Wenn wir unsere eigenen Emotionen und die von anderen besser verstehen und erkennen und mit ihnen umgehen können, fällt es auch leichter, Missverständnissen vorzubeugen und Konflikte zu vermeiden. Und das geschieht nicht allein mit dem Kopf, sondern hier hilft der Körper. Hören wir also ruhig auf unseren Körper. Er spricht immer mit. Erst im Einklang mit uns selbst fühlen wir uns wirklich zufrieden und wohl.

Ach schön. Und zum Abschluss: Welchen Leuten hast du denn schon häufig in einen Veränderungsprozess begleitet? Also kommen da vor allem zum Beispiel Menschen zu dir, die sowohl ihr Leben als auch ihr Berufsleben verändern möchten?

Jeder Mensch ist willkommen, so wie er oder sie ist. Zu mir kommen Menschen, die in Fachpositionen sind, aber vor allem viele in Führungspositionen, wie Manager_innen, Unternehmer_innen oder auch Selbstständige. Also Menschen, die ihr Denken, Fühlen, Wollen und Handeln besser verstehen und in eine neue Richtung lenken wollen.

Das kann zum Beispiel eine Frau sein, die halbtags tätig ist und Schwierigkeiten hat, Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut zu kriegen. Sie kann sich schlecht abgrenzen und möchte lernen, auch mal ohne schlechtes Gewissen „Nein“ zu sagen und wieder etwas mehr Zeit für sich haben. Oder ein Manager, der sich im Stress-Hamsterrad abstrampelt, unter Zähneknirschen und Schlafstörungen leidet und wieder mehr ins Gleichgewicht kommen will. Auch junge Führungskräfte kommen zu mir, die ihre Sicht auf sich selbst und andere hinterfragen und Veränderungsprozesse erfolgreich gestalten wollen. Ich berate auch Privatpersonen, die mehr Selbstvertrauen entwickeln und selbstbewusster auftreten wollen.

Es fasziniert mich jedes Mal, wenn Menschen im Coaching Klarheit und neue Perspektiven gewinnen und Schritt für Schritt das tun, was sie können und wirklich wollen. Ich habe den tollsten Job der Welt, weil er mich dankbar und glücklich macht.

Das ist ein schöner Schlusssatz. Danke Silvia, für deine tollen Einblicke.

Wenn du Silvia Hahn kennen lernen möchtest, dann schau bei ihrem Profil vorbei und vereinbare mit ihr ein kostenloses Erstgespräch:

Hier geht es zu Silvias Profil